Pflanzenalchemie - Spagyrik


  

Manfred M. Junius hat die Pflanzenalchemie im wesentlichen mit dem Begriff "Spagyrik" gleichgesetzt. Unter Alchemie verstand er das "Große Werk", die alchemistische Arbeit mit Erzen und Metallen. Als Spagyrik bezeichnet er das "Kleine Werk", die Arbeit mit Pflanzen.

 

Wie in der Alchemie allgemein findet auch in der Pflanzenalchemie eine Trennung in die drei Prinzipien statt:

  • Sulphur (Schwefel)
  • Merkur (Quecksilber)
  • Sal (Salz)

Die stofflichen Träger dieser Prinzipien in der Pflanzenalchemie sind in groben Zügen

  • die ätherischen Öle als Träger des Sulphurs (==>Äther - Seele)
  • der Alkohol als Träger des Merkurs (==>Alkohol - Spirito - Geist)
  • und die pflanzlichen Salze als Träger des Sal-Prinzips (==> Mineral, Salz, Materie ==> Körper)

Diese drei Prinzipien werden durch Destillation, Fermentation (Gärung) od. Mazertation und Calcination (Veraschung) getrennt, gereinigt und wiedervereinigt. Ganz nach der Philosophie des "Solve et Coagula" (Lösen und Wiedervereinigen).

 

. . .


Spagyrik


1. Definition

Die Spagyrik ist ein ganzheitliches Naturheilverfahren, das auf den Grundprinzipien der Alchemie aufbaut. Alchemisten wollten nicht aus Silber Gold herstellen, wie gerne behauptet wird, sie suchten Wege, um aus Pflanzen das Wirkungsvollste, die therapeutisch anwendbaren Wirkstoffe, zu gewinnen. Spagyrik basiert auf folgendem Prinzip: Aus einem natürlichen Ausgangsstoff wird in mehreren Laborschritten ein feinstoffliches, energetisch hochaktives Heilmittel gewonnen. Dieses wirkt regulierend auf die Steuerungsprozesse des Organismus ein.

2. Philosophie

Die Alchemie geht davon aus, dass alles, was existiert, und jeder Lebensprozess Ausdruck der unsichtbaren Lebenskraft ist. In dieser Lebenskraft sind die Prinzipien «Sal» (Körper), «Sulfur» (Seele) und «Mercurius» (Geist) wirksam. Sal steht für das materialistische Prinzip, Sulfur für das feinstoffliche und Mercurius für das belebende Prinzip, das ständig zwischen Sal und Sulfur verbindet und vermittelt. Auf der Ebene der Pflanzen entspricht Sal dem Salz bzw. dem mineralischen Körper der Pflanze, Sulfur repräsentiert die ätherischen Öle und Aromastoffe und somit die individuelle Seele der Pflanze. Mercurius symbolisiert die Trägersubstanz.

Er ist gesund, wenn diese drei «alchemistischen Prinzipien» im Einklang sind. Herrscht hingegen Disharmonie, können spagyrische Essenzen gezielt eingesetzt werden, um die Balance wiederherzustellen.

Die Herstellung von spagyrischen Heilmitteln erfolgt in folgenden Schritten und basiert auf Trennen (griech. = spao) und Vereinen (griech.= ageiro):

  • Zuerst wird das Ausgangsmaterial zerkleinert und mit Hilfe von Hefe einer Gärung unterzogen.

  • Die vergorene Masse, die bereits eine aromatische Duftnote besitzt, wird schonend destilliert.

  • Der verbleibende Pflanzenrückstand, die sogenannte Maische, wird anschliessend erhitzt und verascht.

  • Danach wird die Asche mit dem Destillat in der sogenannten spagyrischen Hochzeit vereinigt. Durch den Einbezug der Asche enthält die spagyrische Essenz auch Spurenelemente und Mineralstoffe wie Magnesium, Kalium, Kalzium, usw.

  • Das Trennen und wieder Vereinen des Materials im Herstellungsprozess führt laut Spagyriker zu aufgeschlossenen, von Ballast befreiten Heilmitteln mit stärkerer Wirkkraft. Gleichzeitig sollen dadurch alle schädigenden Nach- und Nebenwirkungen ausgeschlossen werden.

3. Plausibilität des Konzepts

Spagyrik ist ein sehr altes Heilverfahren. Zu den grossen Spagyrikern gehörte unter anderem im Mittelalter der Arzt Paracelsus (1493–1541). Bekannte Nachfolger waren der homöopathische Arzt Carl-Friedrich Zimbel (1801–1879), Theodor Krauss (1864–1924) oder Alexander von Bernus (1880–1965). Die Herstellungsverfahren variieren zum Teil. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass spagyrische Heilmittel aufgrund ihrer Ganzheitlichkeit am selbstregulierenden System des Organismus ansetzen und so viele akute und chronische Beschwerden positiv beeinflussen – sowohl auf körperlicher als auch auf seelisch-geistiger Ebene. Durch die Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts hilft Spagyrik, Beschwerden zu überwinden statt zu verdrängen.

4. Belege für die Wirksamkeit

Spagyrische Heilmittel sind ungiftig, unschädlich und von geringem Alkoholgehalt. Sie gehören zu den beliebtesten, wirksamsten und verträglichsten pflanzlichen Arzneimitteln. Die Praxis zeigt, dass die Wirksamkeit gegenüber der klassischen Phytotherapie verstärkt ist. Die Wirkung ist durchdringender, schneller und breiter, als man es von Phytopharmaka sonst gewohnt ist. Die Wirkungsweise der Spagyrik ist wissenschaftlich untersucht. Obwohl es auch spagyrische Komplexmittel gibt, werden die Substanzen meist vom Experten vor Ort für jede Person individuell ausgewählt und gemischt. Oft nach einer umfassenden Befragung zum Befinden des Patienten. Eine Mischung kann sich aus bis zu sieben Substanzen zusammensetzen. So können zahlreiche Beschwerden zielgerichtet behandelt werden.


 

Geschichte

Die Arzneimittelherstellung und Therapie nach den weltanschaulichen und praktischen Regeln der Alchemie geht auf Theophrastus von Hohenheim (1493–1541), genannt Paracelsus, zurück. Von ihm ist der erstmalige Gebrauch des Begriffes Spagyrik überliefert, die er in einer Ermahnung an Ärzte mit der Alchemie gleich setzte:

„Darumb so lern alchimiam die sonst spagyria heisst, die lehret das falsch scheiden von dem gerechten.“

Mit der Herstellung von Arzneimitteln mittels alchemischer Verfahren grenzte Paracelsus sein Heilsystem von der damals verbreiteten „galenischen“ Medizin ab. Die therapeutische Anwendung wurde vor dem Hintergrund der alchemistischen Philosophie und damit der alchemistischen Sicht des Menschen und seiner Umwelt durchgeführt. Dazu gehörte die Vorstellung von den Entien, den vier Elementen, den philosophischen Prinzipien, den Astra, dem Archaeus, der Mumia, den Virtutes und dem Tartarus.

Iatrochemie (16. und frühes 17. Jahrhundert)

Angeregt durch die paracelsische Spagyrik entstand die Iatrochemie oder Chemiatrie. Sie fand in der Folgezeit besondere Beachtung beim Adel und zu Hofe. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel richtete 1609 in Marburg den weltweit ersten Lehrstuhl für Chemiatrie ein und besetzte ihn mit Johannes Hartmann. Ein weiterer Iatrochemiker war Johann Rudolph Glauber.

Die Iatrochemie verlor Ende des 17. Jahrhunderts an Bedeutung und erlebte im 19. Jahrhundert in Form weiterer Heilsysteme einen Aufschwung.

Spagyrische Heilsysteme im 19. Jahrhundert

Erfahrungsheillehre von Johann Gottlieb Rademacher

Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Johann Gottlieb Rademacher (1752–1850) basierend auf den Lehren der „scheidekünstigen Ärzte“ seine Erfahrungsheillehre.

Elektrohomöopathie des Cesare Mattei

Die von dem italienischen Politiker und Heiler Cesare Mattei (1809–1896) verwendeten Mittel, die er in der Ausübung der von ihm begründeten Elektrohomöopathie einsetzte, sollen auf spagyrisch aufbereiteten pflanzlichen Substanzen beruhen, was aber nicht belegt ist. Später entstand in Abwandlung der Elektrohomöopathie durch den Homöopathen Theodor Krauß (1864–1924) in Zusammenarbeit mit dem Regensburger Apotheker Johannes Sonntag (1863–1945), die JSO-Komplex-Heilweise nach Krauß, auch JSO-Spagirik genannt.

Heilsystem nach Dr. Zimpel

Der schlesische Eisenbahningenieur Carl-Friedrich Zimpel (1801–1879) entwickelte ab 1868 das nach ihm benannte Heilsystem, nachdem er in Italien Cesare Mattei kennengelernt hatte. Es verwendete neben den „Spagyrischen Pflanzenmitteln“ auch die sogenannten „Elektrizitätsmittel“ und weitere, nicht ausschließlich spagyrisch hergestellte Mittel („Arcana“). Zimpel hielt die Destillation für einen wesentlichen Herstellungsschritt und glaubte, durch ausdauernde Destillationsvorgänge die arzneiliche Wirkung seiner Mittel besonders zu verstärken. Die heute angebotenen und mit dem Namen Zimpels bezeichneten Spagyrika werden allerdings nicht nach der original Zimpelschen Herstellungsmethode gefertigt. Sie gehen vermutlich auf Vorschriften von Johann Rudolph Glauber zurück. Im Gegensatz zu den Zubereitungen, die nach der original Zimpelschen Herstellungsmethode gefertigt wurden, enthalten sie keine Wirkstoffe mehr. In den Produkten sind nur die wasserdampfflüchtigen Stoffe des vergorenen Ansatzes und die löslichen Mineralsalze der Asche des Pressrückstands enthalten. Eine medizinische pharmakologische Wirkung dieser Produkte konnte nie nachgewiesen werden.

Spagyrische Arzneimittel im 20./21. Jahrhundert

Bekannte Spagyriker des 20. Jahrhunderts sind etwa Johann Conrad Glückselig (1864–1934), Alexander von Bernus (1880–1965), Walter Strathmeyer (1899–1969) und Frater Albertus (bürgerlicher Name Albert Riedel, 1911–1984). In der Gegenwart wurden und werden Spagyrika im Wesentlichen als Fertigarzneimittel von verschiedenen Firmen hergestellt, es sind dies Mittel beispielsweise der folgenden Richtungen:

  • Spagyrik nach Bernus (Laboratorium Soluna Heilmittel GmbH, Donauwörth) nach Alexander von Bernus
  • Spagyrik nach Glückselig (Phönix Laboratorium GmbH, Bondorf; Heidak AG, Emmenbrücke) nach Conrad Johann Glückselig
  • Spagyrik nach Heinz (HSI-Spagyrik Institut, Braunschweig) nach Ulrich-Jürgen Heinz
  • Spagirik nach Krauß (ISO Arzneimittel, Ettlingen) nach Theodor Krauß und Johann Sonntag
  • Spagyrik nach Pekana (Pekana Naturheilmittel, Kißlegg) nach Peter Beyersdorff
  • Spagyrik nach Strathmeyer (Strath-Labor, Donaustauf) nach Walter Strathmeyer
  • Spagyrik nach Zimpel (Spagyros GmbH, Rottweil; Staufen-Pharma GmbH & Co. KG, Göppingen; Lemasor GmbH, Püttlingen; Phylak Sachsen GmbH, Burgneudorf; Heidak AG, Emmenbrücke) Verfahren in irreführender Weise benannt nach Carl Friedrich Zimpel; Herstellung der Mittel orientiert sich vermutlich an Vorschriften von Johann Rudolph Glauber

Die verwendeten Verfahren unterscheiden sich in den einzelnen Herstellungsschritten deutlich voneinander. Sechs Verfahren (Krauß, Pekana, Strathmeyer, Zimpel, Glückselig, von Bernus) sind im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) als standardisierte Herstellungsvorschriften enthalten. Die nach dem HAB hergestellten Fertigarzneimittel werden rechtlich wie homöopathische Arzneimittel behandelt: ihr Inverkehrbringen bedarf der behördlichen Genehmigung (Zulassung, Registrierung), an die Herstellungsbedingungen gelten strenge Anforderungen.

Quellen

Literatur

  • Hans-Josef Fritschi: Spagyrik. Lehr- und Arbeitsbuch. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 3-437-55230-9.
  • Axel Helmstädter: Spagyrische Arzneimittel – Pharmazie und Alchemie der Neuzeit. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1990, ISBN 978-3-8047-1113-6.
  • Ingrid Kästner: Spagyrik im medizinhistorischen Kontext. In: Nova Acta Paracelsica 13, 1999, ISSN 0254-8712, S. 185–216.
  • Ulrich Jürgen Heinz: Das Handbuch der modernen Pflanzenheilkunde - Heil- und Arzneipflanzen, ihre Wirkung und Anwendung in Medizin, Natur- und Volksheilkunde, Homöopathie und Spagyrik, Verlag Hermann Bauer, Freiburg im Breisgau 1984, ISBN 3-7626-0276-X.